Italienischer Wahlkampf in der Schweizer Provinz

Von der Öffentlichkeit fast unbemerkt ziehen in diesen Tagen italienische Politiker durch die Schweiz. Sie buhlen um die Stimmen der hunderttausenden Auslanditaliener.

Eine Handvoll junge Erwachsene, modisch gekleidet, schlendert durch die Winterthurer Altstadt. Es ist Freitagabend, Ausgangsstimmung. Auf Italienisch diskutieren sie, wo sie die nächsten paar Stunden verbringen wollen. Am Ende der Strasse liegt die Alte Kaserne, wo in wenigen Minuten eine Veranstaltung anlässlich der italienischen Parlamentswahlen beginnt. Die Jungen biegen vorher ab.

Gut möglich, dass ihre Eltern, zusammen mit knapp hundert weiteren, fast ausschliesslich älteren Italienern, im Saal der Alten Kaserne sitzen und damit einem Aufruf des linken «Partito democratico» (PD) folgten - der Partei, die mit Pier Luigi Bersani laut Umfrageergebnissen den neuen Premier stellen dürfte. Man kennt sich, der Umgang ist herzlich. «Ciao Gianni», «come stai Emilia?» - gesprochen wird Italienisch. Auch wenn die meisten mehr als die Hälfte ihres Lebens in der Schweiz verbracht haben, vergessen sie ihre Wurzeln nicht.

Das Buhlen um die Auslanditaliener

Nicht weniger als viereinhalb Millionen Italiener leben laut dem italienischen Aussenministerium im Ausland, 556'000 von ihnen in der Schweiz (viele haben die Doppelbürgerschaft). Im Parlament stehen ihnen 18 Sitze zu, 12 im Abgeordnetenhaus und 6 im Senat. Und diese können in der Endabrechnung das Zünglein an der Waage spielen – so geschehen im Jahr 2006, als das Bündnis des späteren Premiers Romano Prodi nur dank der Stimmen der Auslanditaliener auch im Senat eine Mehrheit erringen konnte.

Entsprechend aufwändig buhlen die Parteien nun um ihre Gunst. Die Wahlkampftournee der Kandidaten gleicht dem Streckennetz einer europäischen Fluggesellschaft. «Ich spreche vor Leuten in England, Spanien, Frankreich, Luxemburg, Belgien, Holland und vor allem Deutschland und die Schweiz, wo es die grössten Gruppierungen gibt», sagt Laura Garavini, Spitzenkandidatin des «PD» im Wahlkreis Europa. Ihrer Partei werden die besten Chancen eingeräumt: «Die italienischen Gastarbeiter waren stark gewerkschaftlich organisiert. Zudem ist die Ablehnung gegen Berlusconi im Ausland stärker als in Italien, man schämt sich fast ein bisschen für ihn», sagt Manlio Sorba, Präsident der Vereinigung «Dante Alighieri» in Winterthur.

«Bravo, bravo!»

Gianni Farina, einer der drei «Schweizer» Parlamentarier, redet sich vor dem Wahlvolk ins Feuer. «Es ist eine Schweinerei, dass das Konsulat in Lausanne geschlossen wurde. Die Anliegen von uns Auslanditalienern werden je länger, je weniger ernst genommen.» Die markigen Worte kommen an beim Publikum, aus verschiedenen Ecken ist «bravo, bravo» zu hören. Längst sind die vom Moderatoren gewährten «drei, vier Minuten» Sprechzeit überschritten. Übel nimmt es ihm niemand. «Wir fordern sofortige Steuergerechtigkeit», ruft Domenico Mesiano vom «Partito socialista» ins Publikum und spricht damit die von der Regierung Berlusconi eingeführte Taxe auf Zweitdomizile, wie sie die meisten Auslanditaliener haben, an. Wiederum: «Bravo, bravo!»

Ruhig wird es erst, als die beiden «Platzhirsche», Senator Claudio Micheloni und der Abgeordnete Franco Narducci, eintreffen – mit einer halbstündigen Verspätung. Bei Guglielmo Bozzolini, einem Kandidaten des links-ökologischen Bündnisses SEL, kommt das gar nicht gut an: «Wenn man in der Schweiz eine Zeit abmacht, dann gilt sie auch.» Narducci nimmt den Seitenhieb gelassen, der Rückflug von einer Wahlveranstaltung in Deutschland sei verspätet gewesen. Viel lieber spricht er aber über die Rolle der Auslanditaliener, die für seine Begriffe von der Regierung Berlusconi «wie Zitronen ausgepresst» worden seien. Sogar das Wahlrecht im Ausland wanke. Dagegen gelte es mit aller Kraft anzukämpfen. Die vielen Pensionäre im Saal, die während Jahrzehnten für die Stimmabgabe in die Heimat reisen mussten, klatschen begeistert in die Hände.

Der italienische Stolz

Die Errungenschaften, die sie, die Italiener der Migrationswellen in den Sechziger- und Siebzigerjahren, sich mühsam erkämpft haben, dürfen nicht in Frage gestellt werden. Darin ist man sich im Saal einig. Ein 35-Jähriger, der sich vor fünf Jahren in der Region niedergelassen hat, muss dies schmerzlich erfahren. Als er erwähnt, er sei nach seiner Ankunft mit ähnlichen Probleme wie die Generation vor ihm konfrontiert gewesen, tobt der Saal. «No, no», rufen sie von allen Seiten, «du hast eine asphaltierte Strasse vorgefunden!» Der italienische Stolz lässt auch mit dem Alter nicht nach.

Nach dreieinhalb Stunden sind auch die redefreudigsten Kandidaten erschöpft, der Moderator setzt der Debatte ein Ende. Gut, gibt es nun Panettone, Rotwein und Zeit, um «due chiacchiere» zu machen, einen Schwatz unter Freunden. In der Nähe der Alten Kaserne stehen mittlerweile auch die jungen Italiener herum. «Die meisten von uns dürften schon wählen, ja. Aber die italienische Politik ist für uns zu weit weg», sagt Francesco. Sie trinken Bier einer Zürcher Brauerei.

Antonio Fumagalli  3. Februar 2013 / www.20min.ch